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TV-Kritik: Tatort "Blut": Der perfekte Sonntagsschocker

Verpassen Sie diesen Film nicht: Der zweite Halloween-„Tatort“ – diesmal aus Bremen – bietet echte Kino-Qualitäten. Ein Horror-Thriller nach Maß! ARD/RB TATORT "BLUT", am Sonntag (28.10.18) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Foto: (RB TV/Pressestelle) ARD/RB TATORT "BLUT", am Sonntag (28.10.18) um 20:15 Uhr im ERSTEN.

Wenn sich der Sommer verabschiedet, es draußen kälter und dunkler wird, wenn die Natur sich in den Winterschlaf begibt und ein Hauch von Tod und Vergänglichkeit heraufzieht – dann begibt sich der Mensch gerne in die Behaglichkeit seiner eigenen vier Wände zurück. Gerne auch, um dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. In der dunklen Jahreszeit hat Schauriges besonders Hochkonjunktur, etwa bei Anna (Lilly Menke), Julia (Lena Kalisch) und Katrin (Helen Barke).

Sonderlich begeistert sind die Mädchen beim gemeinsamen Gucken freilich nicht von dem, was ihnen da auf dem Bildschirm geboten wird. Auch wenn der Schocker im TV-Magazin als Tagestipp ausgezeichnet wurde. Was freilich auch daran liegen könnte, dass eine aus der Runde kürzlich eine sonderbare (auf neudeutsch „strange“ bezeichnete) Bekanntschaft gemacht hat. Eine junge Frau, mit der sie zu später Stunde zum Dauerlaufen war. 

Ein besonders schauriger Mord

Gerannt wird auch auf dem Heimweg, wenn auch aus anderen Gründen. Dann liegt eine Leiche mit schwersten Bissverletzungen am Hals im Park. Die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) haben damit zu kämpfen, dass der Anfangsverdacht, die Verletzung könnte durch einen Kampfhund verursacht worden sein, sich als unhaltbar herausstellt. 

Zumal da auch noch ein Professor Syberberg (Stephan Bissmeier)  mit einer absonderlichen Theorie aufwartet. Sollte es tatsächlich ein Vampir gewesen sein, der im Park zugebissen hat? „Fürchte dich“ hieß der Sonntagskrimi, der vor genau einem Jahr am letzten Sonntag vor Halloween die Grenzen zwischen Krimi und Horrorfilm gründlich niederriss. Und dabei dem geneigten Zuschauer trotz des etwas überladenen und holprigen Plots ein durchaus gut gemachtes Stück Genre-Film bescherte. 

Besser als "Fürchte dich"

Schön also, dass auch andere Sendeanstalten wie Radio Bremen keine Scheu vor Schockerfilmen haben. Zudem „Blut“, der neue „Halloween-„Tatort“,  inhaltlich besser funktioniert als sein Vorgänger. „Fürchte dich“ konnte zwar handwerklich überzeugen. Das Drehbuch verband die Zitate aus „Der Exorzist“ und „Poltergeist“ aber zu ungelenk. 

Der Frankfurt-Krimi litt außerdem darunter, dass er eine verunglückte Mutter als reine Horrorfigur präsentierte. In „Blut“ verarbeitet Regisseur Philip Koch (auch Drehbuch zusammen mit Holger Joos) die Motive aus Vampir- und Schlitzerfilm zu einem weit schlüssigeren Ganzen. Besonders, weil Koch dabei auch die tragische Dimension der Geschichte nicht vergisst.

Glänzend: Lilith Stangenberg und Oliver Mommsen

Wie jeder wirklich gute Horrorfilm erzählt nämlich auch Kochs Werk eindringlich von menschlichen Urängsten und Sehnsüchten. In „Blut“ kommt besonders die Angst vor dem Alleinsein, der Einsamkeit und dem Verlust eines geliebten Menschen zum Tragen. Koch spielt die Möglichkeiten des Genres überaus clever durch. Der Vampir ist ja schon vom Grundtyp her ambivalent. Sein Biss tötet - und verleiht zugleich die Garantie zur Auferstehung und Möglichkeit zur Unsterblichkeit. 

Die furios aufspielende Lilith Stangenberg als geisteskranke Nora brennt sich dabei ein. Cornelius Obonya als ihr liebevoller Vater, der seine Kräfte schwinden sieht und die Katastrophe nicht mehr verhindern kann, ergänzt sie perfekt. Perfektion lässt sich diesem Horror-Krimi auch sonst attestieren. Etwa bei Oliver Mommsen, dem hier als Polizist, der nach einem nächtlichen Angriff des scheinbaren Vampirs erhebliche Bisswunden abbekommt. 

Anschließend verliert Stedefreund sein rationales Weltbild und verstrickt sich ähnlich wie Nora in einem Gestrüpp aus Wahnvorstellungen. Wohl auch deshalb, weil Stedefreund im Grunde von der gleichen Sehnsucht nach Intimität und Nähe getrieben ist. Eine Sehnsucht, die sich am Ende in tödlichem Zweikampf entlädt. War der Schauspieler in seiner Krimi-Stammrolle überhaupt je besser? Aber nicht nur Mommsen, sondern der ganze Bremer „Tatort“ zeigt sich hier in der vorletzten Folge mit Lürsen und Stedefreund in Höchstform.

Regie und Kamera in Bestform

Wie auch Lilly Menke, Lena Kalisch und Helen Barke, die das nur zu Beginn kesse Mädchentrio mit bemerkenswerter Natürlichkeit geben. Drei Jungschauspielerinnen, die sich dadurch auch für größere Rollen empfehlen. Und Kochs Regie adelt „Blut“ endgültig zum echten Ausnahme-„Tatort“. 

Koch erzählt rasant und schnörkellos und verbindet zusammen Jonas Schmager an der Kamera stimmungsvolle Düsterbilder mit knalligen Schockszenen, die er gekonnt mit eindrucksvollen Geräuscheffekten verstärkt. Einige Ekel-Effekte wirken demgegenüber gerade dadurch verstörend, dass Koch es bei sparsamer Andeutung belässt. 

 

„Blut“ ist mehr als nur hervorragender Sonntagskrimi, dieser Film hätte auch im Kino seine Zuschauer gefunden. Wenn Halloween die „Tatort“-Macher so glänzend inspiriert, sollte das Gruselfest vielleicht nicht nur einmal pro Jahr stattfinden.

 

 

Der todkranke Wolf Harding (Cornelius Obonya) fühlt, wie ihm seine Tochter Nora (Lilith Stangenberg) allmählich entgleitet. Bild: Radio Bremen / Christine Schröder
 

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