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Auge in Auge mit dem Wolf

Von CHRISTIAN HUTHER

Ausstellung Frankfurter Kunstverein präsentiert junge Künstler aus der Region

Acht Absolventen und Studenten der Frankfurter Städelschule und der Offenbacher Hochschule für Gestaltung zeigen ihre Ideen.

Der Wolf kehrt zurück zum Menschen – und fast alle stehen Kopf. Angstszenarien gehen um, auch geschürt von Populisten. Dabei zeigt die Rückkehr des Wolfes erst einmal die Enge der heutigen Welt, nimmt sich doch der Mensch immer mehr von der Natur für ständig größer werdende Wohnungen. Freilich ist das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf seit ewigen Zeiten belastet von vielen Mythen. Die Bibel schildert den Wolf als Herden reißendes Tier, in der griechischen Mythologie umgaben sich die Götter mit schützenden Wölfen. Jonas Brinker hingegen will mit diesen Bildern brechen. Der junge Künstler, der erst vor einem Jahr die Städelschule absolvierte, hat einen Tierexperten in Hannover besucht, der mit sieben Wölfen für Film- und Fotoprodukte arbeitet. Er dressiert sie so, dass sie auf seine Befehle hin posieren, laufen, sich hinlegen, zusammenkauern oder für einen Moment stillstehen. Brinker filmte viereinhalb Minuten lang eine Wölfin, die nach 200 Produktionen in den vergangenen zehn Jahren schon ein Profi ist, fast sogar ein Star. Sie war in einigen „Tatort“-Filmen und Komödien vertreten, hat auch Werbung für Sportkleidung gemacht.

Doch Brinker filmt sie vor hellgrünen Wänden, auf dem Boden liegt nur ein Stein. Auf den steigt die Wölfin zuweilen, richtet sich in Pose auf, läuft aber die meiste Zeit unruhig hin und her – die Befehle ihres Herrn scheinen ihr zu fehlen. Aber ist solch ein gezähmter doch noch ein wilder Wolf? Zumindest die Körperhaltung scheint dafür zu sprechen. Brinkers sehenswerter Loop, untermalt von Wolfsgeheul, läuft jetzt im Untergeschoss des Frankfurter Kunstvereins als einer von acht Beiträgen über junge Künstler aus Frankfurt und Offenbach. „And this is us: Junge Kunst aus Frankfurt“ heißt der etwas irreführende Ausstellungstitel, da er den Anteil der Nachbarstadt unterschlägt. Die bis zum 12. Mai laufende Schau stellt nämlich vier Absolventen oder Studenten der Städelschule vor, die anderen vier Teilnehmer studierten oder studieren noch an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Allerdings sind zwei Offenbacher Studenten in Frankfurt geboren. Bleiben also noch zwei, die durch das Raster des Ausstellungstitels fallen.

Männer und Frauen sind gleich gut vertreten, auch das ein Zufall, wie die Parität zwischen Frankfurt und Offenbach, versichert Kunstvereins-Chefin Franziska Nori. Sie will künftig alle zwei Jahre in ihrem Haus „eine Bühne bieten für hier ausgebildete und arbeitende Künstler“, denn in der Region gibt es viele gute Akademien. Doch Nori geht es nicht um eine Nachwuchs-Schau, vielmehr will sie einen Überblick geben über die Genres, die von der jungen Generation genutzt werden. Franziska Nori gab kein Thema vor, sondern lud Künstler ein, die sie interessant findet und bot jedem einen eigenen Raum an, in dem er sich entfalten kann. Mehrfach spielt die Natur eine wichtige Rolle, auch in Catharina Szonns Objekt, vor dem man gleich eingangs steht. Die Offenbacher Studentin hat ein ausrangiertes Heugebläse umgebaut zu einem in sich geschlossenen Kreislauf, scheinbar wild verbunden durch viele Schläuche aus Plastik, Alu oder rostigen Metallen.

Die dritte Dimension

Nun dient das Ungetüm als Papierhäcksler, der sich mit mächtigem Getöse alle halbe Stunde in Gang setzt und Texte der Künstlerin zerfetzt. Einiges lässt sich auf zwei digitalen Bändern entziffern. Wichtiger scheint denn auch die „Materialbrutalität“ der nutzlosen Maschine gegen all die „Plastik-Wegwerfmentalität“. Das Material, die Objekte und der Raum sind weitere wichtige Themen, die von den Künstlern aufgegriffen werden. Während die Offenbacher Studentin Wagehe Raufi reale Dinge mit dem Laserscanner digital spiegelt, geht ihre Frankfurter Kollegin Viviana Abelson ganz handfest mit Gummi, Leder, Stahl und Paraffin um. Abelson schweißt, schmilzt, brennt, klebt und näht alte Reifen um. So schiebt sich aus einem ausgedienten Pneu nun eine aufgeplusterte Lederjacke, als Reißverschluss muss eine Metallspirale herhalten, als Nieten alte Kronkorken.

Hanna-Maria Hammari (33) wiederum spielt mit fantastisch aussehenden Keramikobjekten. So steht der Betrachter verwirrt vor scheinbar echten Flammen, die von Metallketten wild herabzüngeln. Oder es wölbt sich ihm ein überdimensionales Auge entgegen, als sei es aus dem Antlitz eines Riesen geplumpst – illusionistische Kunst vom Feinsten. Die finnische Künstlerin studierte bis 2017 bei dem Bildhauer Tobias Rehberger an der Städelschule. Als eigentliche Entdeckung darf man aber den Frankfurter Max Geisler bezeichnen, der in Offenbach studiert hat. Er baut regelrechte Bildräume, die er sofort wieder aufreißt und die zerfetzten Teile dann bemalt, die Gipskarton-Wände, die Metallträger, die Glaswolle und das Plastikgewebe. So gelingt Max Geisler eine spannende Malerei in der dritten Dimension.

Frankfurter Kunstverein

Steinernes Haus am Römerberg,
Markt 44. Bis 12. Mai. Di, Mi und
Fr bis So 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr.
Eintritt 8 Euro. Telefon (069) 2 19 31 40. Internet www.fkv.de

Artikel vom 02.03.2019, 03:00 Uhr (letzte Änderung 02.03.2019, 03:30 Uhr)

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